Werkstätten – Teilhabe oder Sackgasse?

Nov. 3, 2026 | Allgemein

Ein Grußwort von Thomas Schwarzenberger, Bezirkstagspräsident von Oberbayern, Schirmherr des Festes der Begegnung „Inklusion – wir machen das!“ im Juni 2026.

„Miteinander zu reden ist nach meiner Überzeugung Grundvoraussetzung, um Veränderung und Verbesserung herbeizuführen. Als Bezirk Oberbayern ist das Thema Werkstätten natürlich weitaus mehr als nur ein Posten in unserem Haushalt. Werkstätten sind eine tragende Säule in der sozialen Landschaft, und in der Teilhabe und Inklusion von Menschen. Aber sie sind natürlich auch ein Thema, das uns umtreibt.
Und ich denke, dass wir heute deswegen zusammenkommen. Schon der Titel der Podiumsdiskussion macht ja deutlich:
Sie erwarten von mir keinen Schönwetter-Bericht, sondern einen ehrlichen Dialog über das Gute, das weniger Gute und das Notwendige.

„Werkstätten – Teilhabe oder Sackgasse?“
Diese Gegenüberstellung zeigt das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Denn Werkstätten sind für viele Menschen ein sinnstiftender Ort der Struktur, und auch der Selbstverwirklichung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie durchlässig dieses System eigentlich ist und wie inklusiv unsere Arbeitswelt tatsächlich geworden ist.
Aus Sicht des Bezirks Oberbayern haben Werkstätten für Menschen mit Behinderungen grundsätzlich einen wichtigen Stellenwert. Sie sind gesetzlich verankerte Einrichtungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und erfüllen einen klaren Rehabilitationsauftrag. Es geht dort nicht einfach um Beschäftigung. Es geht um Förderung, Qualifizierung und um die Möglichkeit, Menschen Schritt für Schritt an Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe heranzuführen.
Und dabei darf man eines nicht vergessen: Der Personenkreis ist äußerst heterogen. Menschen bringen sehr unterschiedliche Fähigkeiten, Einschränkungen, Biografien und Unterstützungsbedarfe mit. Und auch regionale Unterschiede spielen eine Rolle.

Für den Bezirk Oberbayern sind die Zahlen auffällig niedrig im Vergleich: Wir haben im Schnitt 2,8 Werkstätten-Beschäftigte je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Das ist deutlich unter dem gewichteten Bundesmittel von 5,2 und unter allen anderen bayerischen Bezirken. Dies zeigt: „Menschen mit Behinderung haben bei uns häufiger echte Alternativen zur Werkstatt“. Und diese Situation darf nicht verkannt werden, wenn es darum geht, wie viele Menschen wir aus den Werkstätten in den ersten Arbeitsmarkt bringen. Wir versuchen sie erst gar nicht in einer Werkstatt beschäftigen zu müssen, sondern setzen vorher schon alles daran, das zu verhindern.
Es wird deshalb auch in Zukunft nicht die eine Lösung für alle geben können. Und eins ist auch klar: Werkstätten bleiben ein wichtiger Bestandteil unserer Teilhabestrukturen.
Aber ebenso klar ist: Die Diskussion um ihre Weiterentwicklung ist notwendig. Und sie wird zu Recht geführt. Denn die Anforderungen verändern sich. Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert einen offenen, inklusiven und zugänglichen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig sehen wir gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen, die auch die Werkstätten selbst vor große Herausforderungen stellen.
In Oberbayern beobachten wir dabei durchaus interessante Entwicklungen. Über viele Jahre hinweg hat sich das Platzangebot in Werkstätten kontinuierlich ausgeweitet, besonders stark im Bereich der Menschen mit seelischer Behinderung. Aktuell zeigen sich allerdings erstmals leicht rückläufige Belegungszahlen – sowohl in Oberbayern als auch bundesweit.
Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen erleben wir einen Wandel des Personenkreises. Zum anderen wirken inzwischen neue Maßnahmen zur Teilhabe am Arbeitsleben stärker als früher. Dazu gehören beispielsweise das Budget für Arbeit, das Budget für Ausbildung, ausgelagerte Arbeitsplätze oder der Begleitete Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt – kurz BÜWA.
Und genau diese Entwicklungen begrüßen wir ausdrücklich.
Denn aus Sicht des Bezirks Oberbayern braucht es künftig noch mehr Durchlässigkeit zwischen Werkstatt und allgemeinem Arbeitsmarkt. Teilhabe darf nicht an Werkstatt-Türen enden.

Gerade ausgelagerte Arbeitsplätze können hier eine wichtige Brücke sein. Idealerweise entstehen daraus sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Auch das Budget für Arbeit entwickelt sich erfreulich: Während 2021 in Oberbayern noch neun Personen an dieser Maßnahme teilgenommen haben, waren es Mitte 2025 bereits 52 Menschen. Das ist kein Quantensprung, aber dennoch eine aufsteigende Tendenz.
Das zeigt: Übergänge können gelingen. Damit solche Übergänge noch häufiger gelingen, brauchen wir die Wirtschaft an unserer Seite. Inklusion am Arbeitsmarkt kann der Bezirk nicht allein herstellen; sie braucht Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die Türen öffnen, Erprobung ermöglichen und Menschen mit Behinderung echte berufliche Perspektiven zutrauen. Es braucht dafür auch manchmal den Mut neue Wege zu gehen und Menschen mit Einschränkungen und Defiziten eine Chance zu geben.
Aber wir müssen ehrlich sagen: Noch geschieht das nicht in dem Umfang, den sich viele wünschen. Deshalb halten wir weitere Reformschritte für sinnvoll.
Dazu gehören aus unserer Sicht beispielsweise stärker anerkannte Qualifizierungsangebote innerhalb der Werkstätten, etwa in Zusammenarbeit mit Industrie- und Handelskammern oder Handwerkskammern. Menschen brauchen Qualifikationen, die sichtbar, vergleichbar und auch außerhalb der Werkstätten anerkannt sind.
Ebenso wichtig ist die Frage, wie Übergänge verbindlicher gestaltet werden können. Wenn ausgelagerte Arbeitsplätze dauerhaft bestehen, ohne dass sich daraus echte Beschäftigungsperspektiven entwickeln, dann müssen wir zumindest die Frage stellen dürfen, ob das dem eigentlichen Inklusionsgedanken noch gerecht wird. Hier könnten z.B. verbindliche Übergangsquoten eine mögliche Verbesserung herbeiführen.
Auch die Arbeitsentgelte in den Werkstätten werden häufig als zu niedrig kritisiert. Das ist die eine Seite der Medaille. Zugleich bestehen im Rentenrecht besondere Schutzmechanismen: Weil Werkstattbeschäftigte ihre Erwerbssituation behinderungsbedingt oft nicht aus eigener Kraft verbessern können, wird für die Rentenberechnung ein höheres fiktives Einkommen zugrunde gelegt. Nach 20 Beitragsjahren entsteht der Rentenanspruch.

Das ist sozialpolitisch nachvollziehbar und schützt vor Altersarmut. Gleichzeitig kann dadurch aber eine paradoxe Situation entstehen: Wer den Schritt in ein reguläres Arbeitsverhältnis wagt, verliert unter Umständen dieses Privileg. Damit werden also oft falsche Anreize gesetzt, die den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt verhindern. Die Beschäftigungsdauer der Menschen mit Behinderung in einer Werkstatt geht oftmals weit über 20 Jahre hinaus. Die Frage, ob diese Voraussetzung für eine Rente noch ihre Berechtigung hat, muss man zumindest stellen. Genau hier zeigt sich nach meiner Auffassung, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr durchgehend zeitgemäß sind. Ein inklusives System muss Übergänge erleichtern – und darf sie nicht durch finanzielle Fehlanreize erschweren.
Und dennoch wäre es falsch, Werkstätten pauschal als problematisch oder gar „Sackgasse“ zu bezeichnen, wie es der heutige Titel in Frage stellt. Denn für viele Menschen sind sie ein geschützter und stabiler und sozialer Ort. Gerade Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf brauchen genau diese Strukturen. Es geht dabei um Tagesstruktur, aber auch um Selbstwertgefühl, um zwischenmenschliche Kontakte und es geht um ein kollegiales Miteinander, es geht auch um Freundschaften.
Deshalb führt uns die heutige Diskussion hoffentlich weg von einfachen Gegensätzen. Es geht nicht um ein Entweder-Oder zwischen Werkstatt und allgemeinem Arbeitsmarkt. Es geht um die Frage, wie wir individuelle Wege ermöglichen. Wie wir mehr Wahlmöglichkeiten schaffen und die Übergänge verbessern. Und wie wir gleichzeitig diejenigen nicht aus dem Blick verlieren, die dauerhaft auf geschützte Rahmenbedingungen angewiesen sind.
Der Bezirk Oberbayern ist Partner dieser Weiterentwicklung. Unser Leitspruch lautet „Wir stärken Menschen“, und dazu stehen wir.
Wir wollen nicht den Stillstand verwalten, Teilhabe ist ein stetiger Prozess. Und dazu brauchen wir Sie, die Träger, wie auch die Beschäftigten, die kritischen Stimmen der Angehörigen, die Unternehmen und die Politik.
Das kann nur gelingen, wenn wir unterschiedliche Perspektiven zulassen, ohne Schwarz-Weiß-Malerei, und gleichzeitig die Menschen im Mittelpunkt behalten, um die es hier eigentlich geht.

Denn am Ende ist aus meiner Sicht die entscheidende Frage nicht, ob Werkstätten Zukunft oder Sackgasse sind, sondern:
Wie schaffen wir ein Arbeitsleben, das möglichst vielen Menschen echte Teilhabe ermöglicht?

Herzlichen Dank.“